Warum der Schmerz bleibt – auch wenn nichts kaputt ist
- Armin Wilding

- 23. Apr.
- 5 Min. Lesezeit

Stichworte: chronischer Schmerz, Fibromyalgie, Miräne, Kopfschmerzen
Viele Menschen kommen zu mir und sagen: „Ich verstehe das nicht mehr. Der Schmerz ist da, aber man findet nichts (mehr).“ Genau an diesem Punkt beginnt ein anderes Verständnis von Schmerz, das für dich entscheidend sein kann.
Schmerz ist nicht einfach ein Signal aus dem Körper, das eins zu eins eine Verletzung abbildet. Er ist ein Prozess. Ein Zusammenspiel aus Nervensystem, Erfahrung, innerer Bewertung und Lebenssituation. Das bedeutet: Auch wenn der Schmerz sich körperlich anfühlt, entsteht er nicht nur im Körper.
Am Anfang steht meist etwas Konkretes. Eine Verspannung, eine Entzündung, eine Überlastung. Nerven reagieren auf diesen Reiz und senden Signale weiter. Das ist sinnvoll, weil es schützt. Wenn dieser Reiz jedoch über längere Zeit immer wieder auftritt, verändert sich das System. Die Nerven reagieren empfindlicher, sie „feuern“ schneller. Die Bahnen, über die der Schmerz läuft, werden stärker. Man kann sich das wie einen Weg vorstellen, der immer wieder gegangen wird. Irgendwann ist es kein schmaler Pfad mehr, sondern eine breite Straße.
So entsteht das, was man Schmerzgedächtnis nennt. Der Körper hat gelernt, Schmerz zu erzeugen. Und dann kann es passieren, dass schon kleine Auslöser ausreichen, um ihn wieder hervorzurufen, auch wenn die ursprüngliche Ursache längst abgeklungen ist.
Entscheidend ist nun, was im Gehirn passiert. Dort wird das Signal nicht einfach nur registriert, sondern bewertet. Es wird abgeglichen mit früheren Erfahrungen, mit Erwartungen, mit Gefühlen. Das Gehirn fragt gewissermaßen: Ist das gefährlich? Muss ich reagieren?
Wenn in diesem Moment Angst entsteht, wenn der Gedanke auftaucht „Das geht nie wieder weg“ oder „Ich kann so nicht leben“, dann verstärkt sich das Signal. Der Schmerz wird intensiver. Nicht, weil du dir etwas einbildest, sondern weil dein Nervensystem genau auf diese Bewertung reagiert.
Deshalb erleben zwei Menschen mit ähnlichen körperlichen Befunden oft völlig unterschiedliche Schmerzen. Der eine bleibt relativ ruhig, der andere gerät in Anspannung und Sorge. Und diese innere Reaktion beeinflusst direkt das, was im Körper passiert.
An dieser Stelle ist mir ein Punkt wichtig, der in meiner Arbeit zentral ist und den ich auch aus einer systemischen und aus der Perspektive von Logos Evolution betrachte: Schmerz hat nicht nur eine Ursache, sondern oft auch ein Wozu. Das bedeutet nicht, dass der Schmerz „gewollt“ ist oder dass man ihn sich „macht“. Es bedeutet, dass der Körper und das gesamte System eine Form gefunden haben, auf etwas zu reagieren, etwas auszudrücken oder etwas zu regulieren.
In der Psychosomatik spricht man davon, dass die Seele sich über den Körper äußert. Ich gehe einen Schritt weiter und sage: Der Körper spricht eine Sprache, und diese Sprache steht in einem Zusammenhang mit deinem inneren Erleben, deinen Mustern, deinen Beziehungen und deinem Lebenskontext. Gleichzeitig bleibt bestehen, dass der Körper real krank sein kann. Es geht nicht darum, körperliche Ursachen zu leugnen, sondern darum zu verstehen, dass sie fast immer eingebettet sind in ein komplexes Zusammenspiel.
Wenn jemand zum Beispiel dauerhaft unter Druck steht, sich überfordert, seine eigenen Grenzen nicht wahrnimmt oder nicht ernst nimmt, dann bleibt das nicht ohne Wirkung im Körper. Wenn jemand gelernt hat, sich anzupassen, stark zu sein, durchzuhalten, dann fehlt oft ein anderer Ausdruckskanal. Der Körper übernimmt dann manchmal diese Funktion. Nicht bewusst, sondern als Teil eines Gesamtprozesses.
In diesem Sinn ist Schmerz nicht nur ein Störfaktor, sondern auch ein Signal. Und manchmal sogar eine Art Lösung innerhalb eines Systems, das an anderer Stelle keine Lösung gefunden hat.
Mit der Zeit entsteht oft ein Kreislauf. Der Schmerz führt zu Vorsicht, zu Rückzug, zu Schonung. Das ist zunächst verständlich. Aber wenn daraus ein dauerhaftes Muster wird, verliert der Körper Vertrauen in Bewegung und Belastung. Das Nervensystem bleibt in Alarmbereitschaft. Und genau das kann den Schmerz weiter aufrechterhalten.
Viele meiner Klienten sind an diesem Punkt. Sie haben gelernt, sich zu schonen, sich zurückzunehmen, vieles zu vermeiden. Und gleichzeitig wird der Schmerz nicht besser, sondern breitet sich eher aus oder wird unberechenbarer.
Ein wichtiger Schritt ist deshalb, diesen Zusammenhang zu verstehen. Nicht, um sich selbst die Schuld zu geben, sondern um wieder Handlungsspielraum zu bekommen.
Was nachweislich hilft, ist nicht ein einzelner Trick, sondern eine veränderte Art, mit dem eigenen Körper und dem Schmerz umzugehen. Bewegung spielt dabei eine zentrale Rolle. Nicht als Überforderung, nicht nach dem Prinzip „da muss ich jetzt durch“, sondern als behutsamer, regelmäßiger Kontakt mit dem eigenen Körper. Bewegung kann das Nervensystem beruhigen und die schmerzhemmenden Mechanismen aktivieren.
Genauso wichtig ist das richtige Maß. Viele schwanken zwischen zu viel und zu wenig. An guten Tagen wird übertrieben, an schlechten Tagen wird komplett pausiert. Hilfreicher ist ein gleichmäßiger Rhythmus, bei dem Aktivität und Erholung bewusst aufeinander abgestimmt sind. Dieses Prinzip nennt man Pacing. Es bringt Stabilität in ein System, das oft von Schwankungen geprägt ist.
Ein weiterer zentraler Punkt liegt im inneren Umgang mit sich selbst. Chronischer Schmerz geht häufig mit Druck einher. Der Anspruch, funktionieren zu müssen. Für andere da zu sein. Keine Schwäche zu zeigen. Eigene Bedürfnisse zu übergehen. Dieser innere Druck wirkt direkt auf den Körper. Er hält die Spannung aufrecht.
Hier entsteht oft ein Wendepunkt: zu lernen, Grenzen wahrzunehmen und auch zu setzen. Nicht alles gleichzeitig leisten zu müssen. Sich selbst nicht ständig zu überfordern. Das hat nichts mit Nachgeben zu tun, sondern mit Regulation.
Auch die Art, wie du über den Schmerz denkst, spielt eine Rolle. Wenn das Nervensystem dauerhaft in der Annahme ist, dass Gefahr besteht, bleibt es angespannt. Wenn langsam die Erfahrung wächst, dass der Körper im Grunde stabil ist und dass nicht jede Empfindung eine Bedrohung darstellt, kann sich dieses System wieder beruhigen.
Das bedeutet nicht, den Schmerz wegzudenken. Sondern ihn anders einzuordnen.
Viele setzen stark auf Medikamente. Diese können im Einzelfall hilfreich sein, aber bei chronischen Schmerzen stoßen sie oft an Grenzen. Sie verändern nicht die grundlegenden Muster im Nervensystem und im Erleben.
Der entscheidende Perspektivwechsel liegt darin zu verstehen: Der Schmerz ist real, aber er ist nicht nur ein Zeichen von Schaden. Er ist auch ein Ausdruck davon, wie dein System gelernt hat zu reagieren – biologisch, psychisch und im Kontext deiner Lebensumstände.
Und aus systemischer Sicht gehört noch etwas dazu: Symptome stehen selten isoliert. Sie sind eingebettet in Beziehungen, Rollen, Erwartungen und Spannungsfelder. Schmerz kann zum Beispiel unbewusst helfen, sich zurückzuziehen, Grenzen zu markieren oder Überforderung zu reduzieren – dort, wo es auf direktem Weg nicht gelingt. Auch das ist kein bewusster Prozess, sondern eine Dynamik im System.
Wenn man beginnt, diesen Zusammenhang zu sehen, verändert sich der Blick. Der Schmerz wird nicht mehr nur als Gegner gesehen, den man bekämpfen muss, sondern als Teil eines Geschehens, das verstanden werden kann.
Und genau darin liegt die Möglichkeit zur Veränderung.
Denn was gelernt wurde – im Nervensystem, im Erleben, im Verhalten und in den inneren Mustern – kann sich auch wieder verändern.
Das braucht Zeit, Geduld und eine aktive Rolle von dir selbst. Es ist kein passiver Prozess. Aber es ist ein Prozess, in dem du wieder Einfluss bekommst.
Das Ziel ist dabei nicht unbedingt, dass der Schmerz sofort verschwindet. Sondern dass dein Leben nicht mehr von ihm bestimmt wird. Und oft beginnt genau dort eine Bewegung, die auch den Schmerz selbst verändert.



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