Schon mal erfahren, was es heißt "mich selbst zu lieben"?
- Armin Wilding

- vor 17 Stunden
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BRF, "Glaube - Kirche - Leben" am 25.10.2026, Kommentar zum Evangelium
Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. (Mt 22,39)
Kennen wir. Meistens hören wir darin vor allem eine Aufforderung, andere Menschen zu lieben. Und wie satt man diesen moralischen Imperativ hat - die anderen, die anderen - ständig für jemanden mitdenken! Aber da steht noch etwas anderes: wie dich selbst. Und genau da wird es spannend.
Denn die Psychologie zeigt uns immer wieder: Unser Verhalten gegenüber anderen Menschen ist tatsächlich eng mit unserem Verhältnis zu uns selbst verknüpft. Aber wenn wir ehrlich sind, lieben wir uns selbst oft ziemlich schlecht. Vielleicht verwöhnen wir uns. Wir gönnen uns etwas oder schützen uns vor Unannehmlichkeiten. Wir versuchen, unseren Selbstwert durch Erfolg, Besitz, Aussehen oder die Anerkennung anderer Menschen aufzubessern.
Aber ist das schon Liebe? Ich kann mich einmal vor einen Spiegel stellen und mich fragen: Liebe ich diesen Menschen, den ich da sehe?
Möchte ich wirklich genau dieser Mensch sein – und nicht ein anderer?
Mit meinen Falten und meinem schütter werdenden Haar.
Mit meinem Bauchfett und den Krampfadern.
Mit meiner begrenzten Intelligenz, den Schwächen und Ängsten.
Mit meiner gar nicht so besonderen Stellung in Beruf und Gesellschaft.
Mit all dem, was aus meinen Träumen geworden ist – und mit all dem, was eben nicht aus ihnen geworden ist.
Das ist eine unangenehme Frage,denn häufig lautet unsere heimliche Antwort: Eigentlich bin ich gar nicht wirklich so, wie ich scheinbar geworden bin. Eigentlich könnte ich ja ganz anders sein. Wenn mein Leben anders verlaufen wäre. Wenn ich andere Möglichkeiten gehabt hätte. Wenn ich disziplinierter gewesen wäre. Wenn andere mich besser behandelt hätten.
Wir betrachten den Menschen im Spiegel dann gewissermaßen als eine unglücklich zustande gekommene Version unseres eigentlich tollen Selbst. Psychologisch hat das Folgen: Was wir an uns selbst nicht annehmen können, versuchen wir dann zu kompensieren. Wir vermeiden Situationen, in denen unsere vermeintlichen Schwächen sichtbar werden könnten. Oder wir stellen uns über andere Menschen, um uns selbst größer fühlen zu können. Und trotzdem ändert sich beim nächsten Blick in den Spiegel nichts.
Wie also kann ich diesen Menschen annehmen? Vielleicht hilft eine zunächst etwas radikale Vorstellung: Was wäre, wenn ich wüsste, dass ich so bleibe, wie ich mich da in Spiegel sehe? Wenn ich wüsste, dass ich nicht schöner werde, nicht intelligenter, nicht erfolgreicher, nicht souveräner und dass auch manche meiner Schwächen bleiben? Was gäbe es dann trotzdem in meinem Leben, das unverletzlich wertvoll, schön und liebenswert ist?
Vielleicht Menschen, die ich liebe.
Beziehungen und Erlebnisse.
Eine Aufgabe, die ich erfülle.
Etwas, das ich geschaffen habe.
Einen Ort, an dem ich gerne bin.
Einen Menschen, für den es wichtig ist, dass es mich gibt.
Vielleicht einen ganz kleinen Augenblick, in dem ich plötzlich spüre: Ja. Dafür bin ich gerne ein Erdling, ein Mensch auf diesem kleinen blauen Planeten im unermesslichen Weltall.
Und wenn ich merke, dass mir dazu überhaupt nichts einfällt, dann lohnt es sich, genau dort hinzuschauen. Nicht um mich noch mehr zu kritisieren. Sondern um den kleinsten Funken von Lebendigkeit und Liebe zu suchen und sie anzufachen.
Denn irgendwann werden wir alt. Unsere Möglichkeiten werden nicht größer, sondern kleiner. Der Körper verändert sich. Manche Türen schließen sich endgültig. Und dann stellt sich die Frage, ob wir bitter werden über das, was nicht geworden ist – oder erfüllt von dem, was da ist. Vielleicht sogar so erfüllt, dass etwas davon überfließt. Denn Liebe ist immer Überfluss.
Wenn ich selbst innerlich nur Mangel empfinde, brauche ich den anderen leicht dazu, diesen Mangel auszugleichen. Dann brauche ich seine Anerkennung, seine Bestätigung, seine Zuwendung. Wenn ich aber selbst erfüllt bin, kann ich geben, ohne mich dabei zu verlieren. Dann wird der andere freier. Und ich werde frei für wirkliche Beziehung.
Vielleicht steckt deshalb in diesem alten Satz eine viel tiefere psychologische Wahrheit, als wir zunächst denken: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Nicht statt deiner selbst. Nicht auf Kosten deiner selbst. Sondern aus einer Liebe heraus, die in dir selbst Fülle gefunden hat – und deshalb irgendwann über dich hinausfließen kann.

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