Drei Arten von Wissen
Textversion:
„Ich muss das nicht lernen und ich muss das nicht wissen. Ich muss nur wissen, wo es steht.“
Den Satz habt ihr vielleicht schon mal gehört von eurem pubertierenden Schülerkind. Und ich sage euch jetzt, was ihr am besten antwortet:
Ja, das stimmt – für Speicherwissen.
Das ist die erste Art von Wissen: Speicherwissen. Das ist das, was ich endlich aus meinem ziemlich schlechten Datenzentrum Gehirn auslagern kann: an die KI, an Rechenzentren. Das kann woanders liegen.
Es gibt aber noch zwei andere Arten von Wissen. Es gibt zum Ersten das – ich nenne es – Orientierungswissen.
Das Wissen, das ich brauche, um mich in der Welt und in Thematiken orientieren zu können. Das ist das Wissen, das ich brauche, um die Antwort der KI einzuschätzen und zu sagen: Ist das hilfreich? Beachtet die KI jetzt da alles, was ich wissen möchte? Welche Aspekte sieht die gar nicht? Und was fange ich an damit?
Ich muss also grundlegend etwas wissen. Und deswegen sind ja auch erfahrene Arbeitskräfte so wertvoll, weil die schon sehr viel von diesem Orientierungswissen haben.
Da kommt zum Beispiel ein neues Produkt, ein neuer Lieferant, und der erfahrene Mitarbeiter sagt: „Können wir nicht brauchen, weil da haben wir besser das, das, das.“
Der hat sozusagen das Wissen rundherum.
Dieses Wissen werden Schüler auch weiterhin lernen müssen, weil es uns hilft, uns zu verorten und zu sagen: Okay, was ist wozu gut? Worauf muss ich noch achten? Was brauchen wir?
Und dann gibt es noch ein drittes Wissen. Das nenne ich das operationale Wissen.
Das operationale Wissen ist zum Beispiel – klassischer Fall – eine Sprache.
Wenn ich keine Grammatik gelernt habe, wenn ich keine Wörter gelernt habe, kann ich sie nicht anwenden. Also ich brauche immer wieder in verschiedenen Bereichen, um spontan und frei handeln zu können, dieses Wissen.
Ich kann das ans Handy auslagern. Ja, ich kann natürlich sagen: Ich lasse mir übersetzen.
Dadurch entsteht erstens aber eine Verzögerung. Und zweitens bin ich nicht mehr Herr des Kommunikationsprozesses. Denn zu dem, wie ich spreche, gehören meine Mimik, meine Gestik, die Pausen und so weiter.
Und das lässt sich natürlich mit dem ständigen Zwischenschalten vom Handy oder vom Computer nicht lösen.
Also: Ihr könnt die Schüler fragen:
Wie steht es mit dem Orientierungswissen?
Und wie steht es mit eurem operationalen Wissen?
Denn die werdet ihr brauchen.
Ergänzende Gedanken:
Vielleicht müssen wir darüber atsächlich anfangen, zwischen zwei Arten geistiger Tätigkeit zu unterscheiden: geistige Arbeit, die nur Aufwand ist – suchen, übertragen, formatieren, sortieren, zusammenfassen – und geistige Arbeit, die den Menschen bildet – urteilen, unterscheiden, entscheiden, formulieren, Zusammenhänge entdecken, eine eigene Position entwickeln.
Der wirklich guter KI-Agent der Zukunft wäre möglicherweise nicht derjenige, der mir möglichst alles abnimmt. Sondern derjenige, der versteht:
„Das könnte ich für dich erledigen. Aber genau diese Entscheidung solltest du jetzt selbst treffen.“
Das wäre tatsächlich eine bemerkenswert andere Vorstellung von guter KI: nicht maximale Entlastung, sondern intelligente Arbeitsteilung mit dem Ziel, menschliche Agency zu erhalten.





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