Das Sündenbock-Kind in der Familie
- Armin Wilding

- 19. Juni
- 2 Min. Lesezeit
Manche Familien entwickeln unbewusst eine Dynamik, in der ein Kind zum Sündenbock wird.
Der Ausgangspunkt ist oft, dass ein Elternteil oder beide Eltern ihre Wut, Enttäuschung oder ungelösten Emotionen am Kind auslassen. Das Kind wird zum Träger von Spannungen, die eigentlich an anderer Stelle entstanden sind.
Noch problematischer wird es, wenn mehrere Kinder in der Familie leben. Denn die Geschwister lernen am Vorbild der Eltern. Sie beobachten, dass ein bestimmtes Kind derjenige ist, an dem Frust, Ärger und Schuldzuweisungen hängen bleiben.
Nehmen wir an, Kind 2 gerät unter Druck oder erlebt Ablehnung durch die Eltern. Es hat nun selbst aufgestaute Gefühle. Anstatt diese zu verarbeiten, gibt es sie weiter – an Kind 1, den Sündenbock der Familie.
Ist noch ein drittes Kind vorhanden, kann sich dieselbe Dynamik fortsetzen. Vielleicht wird dieses Kind sogar bevorzugt. Auch dann lernt es: Wenn ich Frust habe, kann ich ihn an Kind 1 auslassen. Das System reproduziert sich selbst.
Das Sündenbockkind erlebt dadurch immer wieder dieselbe Botschaft: Bei mir bleibt alles hängen. Ich bin derjenige, mit dem man es machen kann.
Später trägt das Kind diese Erfahrung oft in die Welt hinaus. Es gerät in ähnliche Rollen, wird erneut abgewertet oder entwickelt selbst problematische Strategien im Umgang mit Konflikten. Manche Kinder werden aggressiv, andere ziehen sich zurück. Wieder andere handeln verdeckt, weil sie gelernt haben, dass ihre Gefühle keinen legitimen Platz haben.
Mit der Zeit entsteht häufig das Gefühl: Alle sind gegen mich. Niemand versteht mich. Alles bleibt an mir hängen.
Wenn Eltern dann in die Beratung kommen und von ihrem „schwierigen Kind“ sprechen, lohnt sich ein genauer Blick. Denn sehr oft liegt der Ursprung des Problems nicht beim Kind, sondern im Familiensystem.
Der eigentliche Ausgangspunkt befindet sich häufig bei den Eltern selbst. Dort, wo ungelöste Konflikte, Überforderung oder unverarbeitete Emotionen beginnen und unbewusst weitergegeben werden.
Das sogenannte Sündenbockkind oder „schwarze Schaf“ ist deshalb oft nicht die Ursache des Problems. Es ist vielmehr der sichtbare Ausdruck einer Dynamik, die an anderer Stelle entstanden ist.


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